Land und Leute - Die große MäMa-Reportage 

 

 Faszination Fahrrad - in vielen Formen

 

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Spezielle Dekoration: Peter Horstmann vor der Fassade mit mittlerweile 118 ausrangierten Rädern

 

 
Von Thomas Berger

 Fotos: Thomas Berger  

 

Als vor knapp 200 Jahren die zweirädrige Holzdraisine als Urform des heutigen Fahrrads entwickelt wurde und in den 1860ern der Pedalantrieb dazukam, hätte wohl keiner geahnt, welchen Siegeszug rund um den Globus dieses Fortbewegungsmittel antreten würde und wie es sich gerade in jüngster Zeit verändert hat.

 

Der Fahrradhof Altlandsberg ist zwar kein Museum, sondern ein Laden mit angeschlossener Reparaturwerkstatt. Aber Inhaber Peter Horstmann und sein Team geben nebenher auch mancherlei Einblicke und versuchen, Mensch und Rad in optimaler Weise zusammenzubringen. Schon wer das Gelände betritt, dem fällt rechterhand die Fassade auf: Jede Menge Räder, 118 sind es momentan, hängen dort bis unter die Dachrinne an der Wand.

 

„Wir hatten hier seinerzeit angelehnt um die 40 Alträder zu stehen, die Leute in Zahlung gegeben hatten. Als ein Mitarbeiter fragte, was er damit tun solle, meinte ich: Häng sie an die Wand!" Was ein Satz aus dem Bauch heraus gewesen sein mag, wurde umgesetzt. Und das älteste Stück, das auf diese Weise einen Ehrenplatz als Dekoration fand, stammt von 1933. Neulich wiederum hat ein Neuenhagener sein ehemaliges Rad wiedererkannt. „Das rote dort oben ist mir 1986 am Bahnhof gestohlen worden", erzählte er. Auf die Frage, ob er es zurückhaben wolle, habe der Mann dann aber den Kopf geschüttelt.

 

Früher hatte Horstmann im nahen Hoppegarten einen Fahrradgroßhandel. Als sich über den Vermieter, eine ehemalige LPG, dann das Objekt in Altlandsberg als Möglichkeit einer Veränderung auftat, griff er zu. In dem, was einst Stall war, entstand zunächst unten ein ganz bescheidener Laden von 60 Quadratmetern. Jeden Winter über wurde weiter ausgebaut, nach und nach kamen Obergeschoss und die Erweiterung im großen Nebengebäude dazu. Dieses war früher ein Eislager der Schultheiß-Brauerei, hat 1,40 Meter dicke Wände, erläutert Horstmann. Was es im Sommer wunderbar kühl hält.

 

Im Erdgeschoss liegen der Gebrauchträder-Verkauf und die Werkstatt. In der ersten Etage wiederum das größte Angebot an Kinderrädern, was es in Brandenburg und wahrscheinlich auch Berlin gibt, ansprechend illustriert mit Meerjungfrau und einem aus der Wand springenden Tiger. Als Nächstes erfolgt der Ausbau des zweiten Obergeschosses. Auf rund 1200 Quadratmeter, eine Verzwanzigfachung seit dem Start vor zehn Jahren, wächst dann die Fläche. Einschließlich Lager sind es um die 1000 Räder für jeden Bedarf, die hier angeboten werden.

 

Zwei feste Mitarbeiter und einen Azubi hat Horstmann, zwischendurch waren sie sogar schon zu sechst. Doch dann wurde die Umgehungsstraße eröffnet, brach der Umsatz zunächst um 60 Prozent ein, schrumpfte das Team auf nur noch zwei Mann. Inzwischen hat sich der Fahrradhof nicht nur mehr als erholt, es kommen auch ständig neue Angebote und Projekte hinzu. E-Räder sind der neueste Hit, und nachdem die Akku-Probleme der ersten Modelle behoben sind, geht die Verkaufskurve stark nach oben.

 

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 Für jeden etwas: Mit Wandbildern wartet die Abteilung für Kinder auf.    

 

Natürlich fährt Horstmann gern auch selbst, weil sich im Fahrradsattel so viel mehr entdecken lässt als aus dem Auto. Nur Zeit hat er kaum. Alle zwei Wochen sonntags ein Familienausflug, wenn das Wetter mitspielt, zum Beispiel auf dem Radweg Grünheide–Fürstenwalde. An sein erstes Rad kann er sich auch noch erinnern: „Es war gleich eins ohne Stützräder, denn die konnten sich meine Eltern nicht leisten." Später war er mit fünf Kumpels von Plön nach Flensburg auf Tour, schwärmt noch immer von den gut ausgebauten Radwanderstrecken in Schleswig-Holstein


Der Händler kooperiert mit der Jugendwerkstatt im benachbarten Hönow, gemeinsam soll jetzt eine zweite Radstation aufgebaut werden. Er bietet Probefahrten, denn nichts sei schlimmer, als wenn einer sich für das verkehrte Rad entscheide. Immerhin 60 bis 70 Prozent der Kunden kämen mit klaren Vorstellungen und gutem Vorwissen, bei E-Rädern sogar 90 Prozent. Darauf lasse sich dann in der Beratung aufbauen, so Horstmann. Verleih gehört ebenfalls zum Angebot, nach sieben Jahren komme der endlich richtig in Schwung. Und gerade sonntags legen bisweilen Radwanderer auf dem Hof Rast ein.

 

So manche kuriose Begebenheit hat es in den zehn Jahren schon gegeben. Einmal stand eine Familie, die gerade fünf Räder gekauft hatte, wenige Tage später mit diesen – auf einem Hänger – wieder vor ihm. Eine wildgewordene Herde Pferde war bei einem Picknickausflug über die Neuerwerbungen hinweggetrampelt, hatte nur einen Haufen Schrott hinterlassen. Ein anderes Mal wiederum knallte ein Mann mittleren Alters vier kaputte Uhren zur Reparatur auf den Tisch. Auf den Hinweis, es handle sich um einen Fahrradladen, kam zurück: „Wieso, habt ihr kein Werkzeug?"

 

(Fahrradhof Altlandsberg, Berliner Allee 4, Tel. 033438/67066)

 

 

 


 

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